Vom Namsvatnet zum Blyvatnet

eine Reise ins norwegische Borgefjell

 

Jeder Schritt versank glucksend im schwarzbraunen Schlamm, eben war ich aus Unachtsamkeit bis zum Knie in einem feuchten Loch versackt, und nur mit Mühe hatte ich mich wieder herausgezogen. Schwärme von Mücken umkreisten meinen Kopf wie Monde den Jupiter, ich fühlte mich einen Moment wie das Zentrum einer kleinen Welt, aber die Plagegeister sorgten dafür, daß ich nicht übermütig wurde. Groß und klein, ach wie re
lativ waren die Begriffe mal wieder geworden, hier in dieser Abgeschiedenheit. Auf dem Rücken lastete schwer ein nachlässig gepackter Rucksack, an dem die Isomatte baumelte, unter den Armen trug ich allerlei Gerät, einen Camera-Sack und ein Stechpaddel. Hundert Meter hinter mir trat schnaufend meine Freundin Jasmin in meine Fußstapfen; ich mußte sie warnen, sonst würde sie im gleichen Loch, wie ich vor ein paar Minuten, versinken. Irgendwo zwischen den struppigen Fjellbirken jagte der Hund einem Vogel oder sonst einem Vieh nach.

Es war schon der zweite Aufstieg. Der erste hatte unser Schlauchboot nach oben befördert und einen der großen schwarzen Säcke, in dem sich die Schlafsäcke befanden. Den hatte Jasmin getragen, denn sie darf immer die leichteren Sachen tragen. Schließlich ist sie ein Mädchen, das hat auch allerhand Vorteile. Eine Viertelstunde trennte uns noch von “oben”. Oben, das war dort, wo der Storelva sich an einer furchterregenden Abbruchkante, die wir nur von Ferne zu betrachten wagten, in einen gigantischen Katarakt verwandelte, um hundert Meter neben unserem Schlammpfad über Geröll und Fels in die Tiefe und in den Namsvatnet zu stürzen. Oben, das war dort, wo wie ein Märchen die abgeschiedene  Einsamkeit des Flusses vor uns lag, der uns weiter in die kahle und bizarre Bergwelt des Blyvatnet führen würde.

Wir hatten den Aufstieg in vier gleichlange Etappe eingeteilt: die erste bis zum Ende des Waldes, die zweite über den Sumpf, die dritte, die steil über das felsige Gelände, und die vierte, die fast eben bis zu unserem Rastplatz reichte, der heute Nacht unser Zuhause sein würde. Noch ein drittes Mal würden wir den anstrengenden Pfad hinunter und wieder hinaufkeuchen müssen, bis wir all unsere Ausrüstung beieinander haben w
ürden. Dann würde der gemütliche Teil des Tages beginnen, wir würden eine Malzeit kochen, Tee trinken, noch ein wenig die herrliche Aussicht genießen, und dann müde und erschöpft in den Schlaf sinken. Aber so weit waren wir noch nicht. Wenn wir uns umdrehten, lag schon nun schon fast hundert Meter unter uns auf einer Meereshöhe von etwa 450 Metern der Namsvatnet, über den wir gestern in dreieinhalb Stunden gepaddelt waren.

Kurz vor vier Uhr nachmittags waren wir gestern, nachdem wir eineinhalb Tage im Regen auf bessere Zeiten gewartet hatten, beim ersten Anschein einer Besserung mit unserem Schlauchboot singend wie ein Team aus Heino und Freddy Quinn (Kameraden, ahoi) in See gestoßen. Als wir gegen halb acht das Ende des Sees erreicht hatten, war uns das Singen schon lange vergangen, aber schon der Anblick des polternden Kataraktes hatte all unsere Mühen reichlich belohnt. Nicht weit von seiner Mündung hatten wir einen Rastplatz mit Windhütte und Feuerholz vorgefunden. Geschlafen hatten wir im Zelt.

Beim Aufwachen am nächsten Morgen war sogar noch ein lauwarmer Rest Tee vom Vorabend in unserer Thermoskanne gewesen, und mit dieser Stärkung im Bauch hatten wir unser Lager abgebrochen und gegen elf Uhr den unfreundlichen, steinigen und mit Wurzeln übersäten Pfad betreten. Zwei, drei Minuten weiter entdeckten sogar eine massive Schutzhütte, die aber von müden Wanderern belegt gewesen war. Offenbar waren sie gestern bei permanentem Regen über das Fjell gekommen und hatten dann total durchnäßt und erschöpft die Hütte erreicht; überall waren Kleider zum Trocknen aufgehängt gewesen.

Inzwischen hatten wir das Ende des Pfades erreicht. Ein traumhafter kleiner See mit vorgelagertem Inselchen erwartete uns bei einem über die Hochebene fegenden kalten Nordwestwind. Es regnete nicht mehr, und der Himmel lockerte sich immer weiter auf. Noch ein letztes Mal stiegen wir den Pfad herab, packten den Rest unserer Ausrüstung und stiegen wieder hinauf. Um halb vier waren wir wieder da und hatten nun all unsere Säcke und unser Boot nach oben geschleppt. Wir hatten für etwa einen Kilometer Weg bei ca. 100 Meter Steigung viereinhalb Stunden gebraucht.

Wegen des Windes ließ sich hier oben jetzt keine Mücke mehr blicken, und wir konnten in aller Ruhe unser Zelt aufbauen und unsere Mahlzeit bereiten. Das war ungewöhnlich, denn üblicherweise verkriechen wir uns sofort fluchtartig und gelegentlich sogar überstürzt ins Zelt, um vor den Moskitos sicher zu sein. Wir versuchten es fernöstlich: chinesische Nudeln, Lilien, Bambus und Senfgewächs in getrockneter Form, abgerundet mit einem Schuß Erdnußöl und einer Prise Chinagewürz. Wie immer auf unseren Touren, kommen aus Gewichtsgründen ausschließlich getrocknete Nahrungsmittel infrage.

Warum hatten wir gerade die Tour Blyvatnet gewählt? Nun, diese Tour bot uns die Möglichkeit, auf dem Storelva weit ins Kahlfjell zu gelangen, hoch ins Gebirge des großartigen norwegischen Börgefjellet hinein, und das auf verhältnismäßig kurzem Wege. Zwar hatten wir zehn Tage eingeplant, doch nach M
 
öglichkeit wollten wir schon nach einer Woche wieder zurück sein, denn es standen noch andere Touren auf unserm Plan. Sicher gibt es auch noch andere Möglichkeiten, auf einem Fluß ins Gebirge zu fahren, etwa den Piteälv, den Voiman oder den Luleälv. Doch war es dort sehr weit ins Kahlfjell, und wir wollten nun endlich einmal mit dem Boot in die kahle Gebirgslandschaft der Skanden. Einige steile und umständliche Umtragestellen erwarteten uns also.

Am nächsten Morgen weckte uns brütende Hitze im Zelt. Draußen strahlend blauer Himmel bei vierzehn Grad schon um neun Uhr früh. Gegenüber ragte ein steiler Berg empor, an dessen Gipfel sich seltsame Vögel seltsam schreiend vergnügten. Nie zuvor hatten wir solche Laute gehört, ratlos und staunend verfolgen wir ihr Treiben. Wenig später paddelten wir im unbewegten Wasser lautlos an dem kleinen, idyllischen Inselchen vorbei und hatten bald das Ende des Sees erreicht. Auch hier erwartete uns wieder ein tosender Katarakt, schäumend und dampfend im Gegenlicht der Sonne. Zweieinhalb Kilometer würden wir hier zu umtragen haben. Auf der linken Seite stießen wir auf einen steilen Pfad, entluden das Boot, und begannen, einzelne Gepäckstücke zu umtragen. Aber wir hatten uns geirrt. Alsbald verlor sich der Pfad unwegsam in Moor und Geröll, so daß wir umzukehren beschlossen.

Mehr Glück hatten wir auf der anderen Seite. Versteckt im Wald führte dort der richtige Pfad entlang des Kataraktes zum oberen See, dem Djupvatnet auf 600 Metern Höhe. Diesmal gleich in Gummistiefeln, stapften wir, mit unseren schweren Rucksäcken immer wieder tief im schwarzen Moor versinkend, in glühender Mittagshitze und von hungrigen Moskitoschwärmen attackiert, durch spitzes Gestrüpp und Unterholz empor zum Djupvatnet.

Ein überwältigender Anblick empfing uns. Im Seeausfluß des Djupvatnet lagen zwei reizende kleine Inselchen verstreut, dahinter breitete sich weit unter blauem Himmel der See aus, an dessen fernen Ende sich die zum großen Teil noch schneebedeckten Berge des kahlen Börgefjellet erhoben. Wir begriffen, daß wir eine der schönsten Touren der norwegischen Skanden gewählt hatten. Wir legten unser Gepäck ab, stiegen ein paar Meter hinunter ans Ufer und tranken aus hohlen Händen das eiskalte klare, blaue Gebirgswasser, wuschen unsere v
erschwitzten Gesichter, und legten eine kurze Rast ein. Keine Menschenseele ließ sich blicken, all diese Herrlichkeit hatten wir für uns ganz alleine. Vor uns der verzweigte Fluß, der hier noch gemächlich rauschte, über uns der unendliche Himmel und um uns schneebedeckte Berge. Viele Male schon waren wir in den schwedischen Skanden gewesen, waren mit unserem Boot ins Gebirge gefahren, hatten Fußwanderungen mit Rucksack und Zelt unternommen und hatten großartige Erlebnisse gehabt, ein jedes großartiger als das vorhergehende, weil neu und anders und weil das Gegenwärtige immer großartiger ist, als das Vergangene. Und so schien uns auch dieses Abenteuer das Einmaligste und Großartigste zu sein, das wir je in den Skanden erlebt hatten. Und in einer gewissen Weise war es das ja auch. Nie wieder würden hier stehen, so wie in diesem Augenblick, und selbst wenn wir jemals wieder hierher kommen würden, so wäre es nicht das Gleiche, wäre es ein Anderes, so eben, wie es im Leben keine Wiederholung gibt, sondern nur ein deja vu, diese seltsame Erscheinung, die mehr in ihrer Andersartigkeit glänzt, als in ihrer Ähnlichkeit.

Wir holten unser restliches Gepäck nach, was fast den ganzen Tag in Anspruch nahm. Ein zusätzliches Mal mußten wir gehen, denn wir hatten eine der Schwimmwesten verloren. Dann beluden wir erneut das Boot und paddelten in den See. Auf einer Landzunge fanden wir ein idyllisches, fast trockenes Plätzchen für unser Zelt. Es war fast acht Uhr geworden. Wir machten Feuer, kochten Tee und eine warme Malzeit aus Pfefferwurst, getrockneten Zwiebeln und Kartoffelbrei. Schon wenig später waren wir in den Schlafsäcken.

Der folgende Tag begann schon windig und bewölkt am frühen Morgen. Ein Tag also, der uns Gelegenheit bot, unsere Tour ohne anstrengendes Paddeln und ohne strapaziöse Portagen zu genießen, vielleicht ein Brot zu backen, die Umgebung zu erkunden und zu lesen. Zum selbstgebackenen Brot gab es Linsen, die wir ein paar Stunden eingeweicht hatten, danach Tee. Der Wind hatte gedreht und kam nun aus Südost. Wie weggeblasen waren die lästigen Moskitoschwärme, und einen großen Teil des Tages verbrachten wir am Feuer sitzend. Unsere Wanderstiefel mußten wegen der feuchten Portagen an den beiden vorangegangenen Tagen neu gewachst werden. Am Nachmittag, gerade als das zweite Brot fertig war, kam Reg
en auf und wir verzogen uns ins Zelt.

Auch der nächste Tag begann bedeckt. Nun, so etwas ist hier nichts Ungewöhnliches. Aber der Luftdruck fiel, die Atmosphäre war mit einem Taupunkt von 10 Grad eher feucht als trocken, und erwartungsgemäß hatten sich bei Wind aus Südost und einer sommerlichen Temperatur um die 17 Grad schon gegen Mittag kräftige Cumuli und in der Höhe auch Altocumulus gebildet. Am Nachmittag dann zog westlich von uns ein Gewitter auf, um sich dann mit einem einzigen Donnerschlag auch schon wieder zu verabschieden. Wir waren ein wenig enttäuscht. Wir blieben eine weitere Nacht und hofften auf Besserung.

In der Tat hatten wir Glück. Am nächsten Morgen hatte der Wind gedreht und wehte nun kühl und bedeckt aus Nordost. Er versprach kaltes, aber beständiges Wetter. Wir paddelten ans Ende des Sees, stiegen aus und suchten den Pfad, der uns an den Blyvatnet leiten sollte. Nichts. Kein Pfad, weder von gelegentlichen Anglern noch von den Tieren dieser Einöde, nichts. Auch vom Blyvatnet herab ergoß sich ein langer Katarakt, der nicht einmal in kleinen Abschnitten fahrbar war. Wir würden die gesamte Strecke an einem Stück zu umtragen haben, etwa fünfeinhalb Kilometer querfeldein über Geröll, Bäche,
feuchte Gebirgstundra und Sümpfe.

Unsicher, ob wir dort oben mit unserem Boot etwas anfangen könnten, begannen wir, zunächst erst  unter der Last unserer Rucksäcke, unsere unbequeme Wanderung. Bald schon versperrte der erste Bach unseren Weg, aber wir fanden flache Stellen und feste Felsbrocken, die uns die Passage ermöglichten. Immer weiter arbeiteten wir uns ins unwegsame Gelände vor, immer wieder mußten wir umkehren und einen anderen Weg nehmen. Immer wieder wandten wir uns um und ließen unseren Blick über das nun schon weit unter uns liegende Gelände schweifen, den Katarakt, die Tundra, den See und die fernen Berge. Kalt fegte der Nordost über das kahle Fjell und trieb ein dichtes Band aus grauen Wolken vor sich her. Immer höher stiegen wir hinein in die unwirtliche Bergwelt, die einem kalten Regime von Wetter, Wind und Wolken gehorchte. Wir waren hier nicht erwünscht, aber auch nicht unerwünscht, wir wurden hier schlicht ignoriert, als gäbe es uns nicht, nicht uns, nicht die wenigen anspruchslosen Vögel der Bergtundra und ihre jungen, hilflosen Küken, die sich bei unserer Annäherung unscheinbar ins Gras duckten, nicht die vereinzelten Rentiere, die sich selten einmal hierher verirrten, nicht die feuchten Moose auf den Felsbrocken, nicht die spitzen Gräser, die ihre langen Halme naß aus den Mooren streckten. Immer wieder stießen wir auf Schneeflächen, dieselben Schneeflächen, die wir vor wenigen Tagen noch im warmen Sonnenlicht bewundert hatten, als sie in weiter Ferne, fast unerreichbar auf den langgestreckten Rücken des Fjells geglitzert hatten. Kalt, naß, grau und eisig erschienen sie uns heute, zeigten sich von einer Seite, von der wir jetzt sicher waren, daß es ihre wahre sei.

Weiter stiegen wir ins Ungewisse, wieder versperrte uns ein Bach aus eisigem Schmelzwasser den Weg, wieder fanden wir über Geröll und seichte Stellen einen Weg hinüber zum anderen Ufer, weiter und immer höher hinein stiegen wir ins Grau der Wolken und der Winde. Und dann, ganz unvermittelt, lag er vor uns, schon wieder zehn, zwölf Meter tiefer unter uns, der Blyvatnet, der See aus Regen, Schnee und Eis. Der “Blausee”, der zu vereinzelten Stunden blauen Himmels vielleicht für kurze Zeit darüber hinweg täuschen kann, daß Natur und Leben hier zu Gegensätzen geworden sind, zu den Gegensätzen, die sie vor Millionen von Jahren schon einmal gewesen waren, und die sie irgendwann auch wieder sein werden, weil sie es in ihrem innersten Wesen schon immer sind. Graue Schwaden von Wolken und Nebel drängten aus dem Hintergrund eines abweisenden Gebirges über den See, veränderten von Minute zu Minute die Sicht, lösten sich auf, gaben den Blick frei in ein verschachteltes Gewirr schroffer Riesen, nur um sich gleich darauf wieder herab zu senken und alles erneut im undurchsichtigen Grau verschwinden zu lassen, hinter einem Vorhang von Halluzination und Fatamorgana.

Noch nie hatten wir uns so verlassen gefühlt, wie hier oben am Blyvatnet.

Verwirrt wandten wir uns zum Abstieg. Wir fanden unseren Weg hinab, so wie wir ihn hinauf gefunden hatten, vorbei an den Schneefeldern, überquerten zwei Gewässer, verliefen uns, mußten umkehren und ein Stück des Weges zurücklaufen, dann kamen wieder die Moorvögel, die uns pfeifend und schreiend von ihrer gerade flügge gewordenen Brut abzulenken trachteten, und endlich waren wir wieder beim Boot. Nein, wir würden es nicht nach oben schleppen. Wir waren froh und erleichtert, wieder hier unten zu sein, wo wenigstens ein paar karge Sträucher wuchsen, auch wenn von Wald nicht die Rede sein konnte, nicht einmal von Gestrüpp oder Macchia. Wir steuerten unser Boot zurück zu dem Platz, von dem wir heute Morgen aufgebrochen waren, an dem wir schon zwei Nächte verbracht hatten, um dort auch heute wieder unser Lager aufzuschlagen.

Auch hier noch verfolgte uns der Blyvatnet. Mag sein, daß bei Sonne und blauem Himmel alles anders ausgesehen hätte, sicher sogar hätte es das getan. Die Welt, aus der wir herauf gestiegen waren, die Welt, die wir kannten, lag hier etwa eineinhalb Tagesreisen entfernt, und wenn man den See schon dazu rechnete, dann war es nur ein Tag. Die andere Welt, die Welt, die wir gerade besucht hatten, lag jetzt schon drei Stunden zurück, und doch war sie viel weiter. Es war ja nicht etwa so, daß wir mit unserer Welt so ganz zufrieden waren. Aus welchem Grunde wohl waren wir hier! Gewiß war es nicht nur reine Abenteuerlust, die uns hierher getrieben hatte. Bei allen Strapazen, bei allen Mühen, die wir auf uns genommen hatten, um hierher zu gelangen, fühlten wir uns durchaus wie im Urlaub. Hier waren alle Menschen gleich. Wir genossen unseren abseitigen Aufenthaltsort in vollen Zügen. Wir fühlten uns wohl, wie andere Leute am Strand von Rimini oder auf Mallorca, von den Mücken einmal abgesehen. Nun aber, im Zelt auf unserer Landzunge im Djupvatnet, befanden wir uns zwischen zwei Welten, saßen wir zwischen zwei Stühlen. Gewiß, auch hier waren wir weit weg von Rimini und Mallorca, aber dort oben, das war noch viel weiter, viel, viel weiter, das war ... Ewigkeit, Urgeschichte, Tod und Zeugung. Morgen würden wir die Rückreise in die Zivilisation antreten. Aber wir würden wiederkommen. Nicht vielleicht gerade an den Blyvatnet, obwohl wir auch das nicht ausschließen wollten, aber diese Welt der Riesen, der Wolken und der Nebel, die wir heute nachmittag zaghaft berührt hatten, diese Welt wollte uns nicht aus dem Gedächtnis weichen, wir würden sie wiedersehen, irgendwann einmal ...

Zügig wie immer gestaltete sich die Rückreise. Die erste Portage schafften wir in zwei Gängen, auch wenn wir uns dabei ein bißchen übernahmen. Dann setzte Regen ein. Gegen fünf Uhr nachmittags  erreichten wir das Ende der Seenkette und beschlossen, noch heute den Katarakt zu umtragen. Bei den Regenfällen der vergangenen Tage hatte sich der ehedem schon mühselige Pfad in ein einziges Schlammbad verwandelt. Bohlen über den Feuchtgebieten, wie in vielen Naturreservaten Norwegens und Schwedens, gab es hier nicht. Wohl war der Weg zu steil dafür. Heute waren wir schon nach dreieinhalb Stunden mit all unserem Gepäck bei der Hütte am Namsvatnet; sie war inzwischen frei geworden, und wir wollten die Nacht daher bequem in der Hütte verbringen.

Doch daraus wurde nichts. Wir hatten die Rechnung ohne die Moskitos gemacht, die sich überall in den Ritzen versteckt hatten. Bereits um ein Uhr Nachts waren wir wieder hellwach und jagten die gefräßigen Insekten mit feuchten Handtüchern. Viertel vor Zwei schien die Hütte moskitofrei, aber um halb Vier waren wir wieder wach. Nun lohnte es nicht mehr, erneut auf die Jagd zu gehen. Wir standen auf und saßen um sechs Uhr im Boot.

Todmüde, denn wir hatten kaum ein Auge zudrücken können, paddelten wir über den langgestreckten Namsvatnet. In der Nacht hatte eine Kaltfront passiert, und auch heute früh noch bildeten sich überall über dem See und in den Bergen Quellwolken und ließen Schauer niedergehen. Zwischendurch kam immer öfter die Sonne durch die Wolken und wärmte uns. Kurz vor Zehn erreichten wir die Bucht am südöstlichen Ende, an der unser Auto stand. Die Schauer hatten nachgelassen und schließlich gänzlich aufgehört, nur in den Bergen regnete es noch. Ein warmer, sonniger Tag war angebrochen.

 

 

 

 

Benutzerspezifischer Text

Bild links: schon tiefunter uns liegt der langgestreckte Namsvatnet

 

Der Storelva, den wir hier beschreiben und den wir im Juli 2000 mit dem Schlauchboot befahren haben, ist ein kleiner Fluß, der eine Kette von Gebirgsseen im norwegischen Nationalpark Börgefjellet (65° 20‘ bis 64° 57‘ Nord und 13° 25‘ bis 14° 24‘ Ost) entwässert. Einer dieser Seen ist der Blyvatnet (65° 5‘ Nord; 13° 41‘ Ost) auf 643 m über NN. Der See Djupvatnet liegt etwas tiefer auf einer Höhe von 600 m. Das Gebirge Börgefjellet besteht zum größten Teil aus Kahlfjell; seine höchste Erhebung ist der Kvigtind mit 1703 m. Die höchsten Erhebungen im beschriebenen Gebiet liegen bei 1250 m über NN. Es gehört zu den wenig erschlossenen Gebieten in Skandinavien. Im Norden wird das Börgefjellet vom Susendalen begrenzt, im Westen vom Fiplingdalen, im Osten ist es von Schweden her zugänglich und im Süden über den etwa 14 km langen See Namsvatnet (455 – 441 m über NN). Wir haben es über den Namsvatnet, etwa 300 km nördlich Trondheim, erreicht, der von einem zunächst noch kleinen Fluß Namsen zunächst nach Nordwest, dann nach Südwest entwässert wird. Der Namsen wird in seinem Unterlauf im Namsdalen von der E 6 begleitet und liegt dort in der Nord-Süd-Hauptverbindung Norwegens.

Bild links: Dicht neben dem steilen Pfad tobt der Wasserfall

unten: ein traumhafter kleiner See am Ende des Pfades

Bild links:

idyllischer Zeltplatz am Djupvatnet

Bild links oben und Bild links unten:

 

 

 

 

 

ein überwältigender Anblick empfing uns bei der Ankunft am Djupvatnet

Bild links oben:

blauschwarze Gewitterwolken türmen sich am Djupvatnet

Bild links unten:

Katarakt auf dem Wege zum Blyvatnet, hier müssen wir aussteigen

Bild unten:

auf dem Wege zum Blyvatnet, hier müssen wir einen Bach durchwaten

Bild oben:

Blick vom Blyvatnet auf die Kette der Stromschnellen und auf den See Djupvatnet im Hintergrund

Bild links:

in Wolken und Nebel: der Blyvatnet

Bild links:

zurück am Djupvatnet, Kanuausflug in der Abendsonne