Sherry Shnotter und das Geheimnis des Kanus vom Vistastal....

Und andere spannende Kriminalgeschichten aus Lappland

Teil 1

 

Am heiligen Berg

Nachdenklich stapfte Sherry Shnotter den schmalen Uferpfad am Rapaätno entlang. Vor ihm, von grauen Regenschauen verhangen, lag steil aufragend mitten im Tal der Bergdas Wahrzeichen des Rapadeltas, der Berg Nammatj. Sherry Shnotter blieb einen Augenblick stehen. Er kramte in seiner Jackentasche nach einer Prise Tabak und stopfte sich damit eine neue Pfeife. Um sich herum sah Sherry Shnotter nur feuchtes, undurchdringliches Gestrüpp. An seiner linken Seite rauschte der Fluß. Sherry Shnotter überlegte: wo war sein Feuerzeug?

Ohne seine dampfende Pfeife konnte Sherry Shnotter keinen klaren Gedanken fassen. Wo war das grüne Kanu geblieben? Das war die vordringlich zu lösende Frage; danach erst kam alles andere. Vor wenigen Tagen noch war auf diesem grauen Fluß voller Schlamm und Sand, der sich hier durch die lappländische Wildnis windet, das grüne Kanu gesehen worden, die Anna-Doria! War sie etwa untergegangen? Konnte ein Unglück geschehen sein?

Sherry Shnotter tat einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Der feine englischer Tabak knisterte leise und verströmte aromatischen Duft in die nordisch feuchte Einsamkeit. Noch immer regnete es. Noch immer zogen graue Wolkenschwaden über das Delta des Flusses und verbargen den Berg der Samen hinter gespenstischem Grau. Würde er das Rätsel lösen können? Was konnte sie im Schilde führen, die Anna-Doria? Was hatte sie hierher geführt? Wo war sie geblieben?

Sherry Shnotters Pfeife war fast ausgegangen. Sherry Shnotter stopfte nach und tat einen weitern Zug.

Seit Wochen schon regnete es ununterbrochen, und es schien, als sei das grüne Kanu die Ursache allen Übels. Wo immer das grüne Kanu auftauchte, regnete es besonders hartnäckig. Wo immer das grüne Kanu zu sehen war, ließ sich kein Sonnenstrahl mehr blicken. Wo immer die Anna-Doria auftauchte, schien der schwedische Wetterdienst mit all seinen hoffnungsvollen Prognosen dem Untergang nahe wie ein historischer Vorkriegsdampfer im Polarmeer.

Sherry Shnotter zog seine Kapuze weit über sein Gesicht und entzündete seine Pfeife von neuem. Der Regen hatte sie ihm ausgelöscht. Rechts vom Nammatj lag nun der Skierfe, der heilige Berg der Samen. Hatte er etwas mit der Sache zu tun? Scharf und kantig, wie er ins Tal ragte, war es ihm zuzutrauen!

„Zisch“ machte Sherry Shnotters Pfeife. Ein dicker nasser Regentropfen war hineingefallen, mitten in Sherry Shnotters Pfeife. Die Niedertracht des schwedischen Wetters kennt keine Grenzen. Nicht einmal hier, im Angesicht der urzeitlichen Zeugen der Vorgeschichte! Doch unbeeindruckt von schnöden Schauern ragte wie eine dicke Nase, trutzig und unerschrocken, das Plateau des heiligen Berges in die Landschaft. Jahrhunderte, Jahrtausende samischer Geschichte, samischer Tradition, samischen Glücks und samischen Unglücks hatte dieser Berg an sich vorüberziehen sehen und war doch der geblieben, der er immer war. Er war der Schicksalszeuge des samischen Volkes. Konnte er vielleicht...? Er und das grüne Kanu?

Sherry Shnotter lief eiskalt ein Regentropfen den Rücken hinunter. Er hüllte sich tiefer in seine Regenjacke und stellte den Kragen höher. Er zog den Feldstecher aus der Jackentasche und suchte die Ufer des Skierfe ab: kein Kanu!

Die steilen, schroffen Felsen hinauf glitt sein forschender Blick, teilte sich die Luft mit Adlern und Bussarden, um sich gleich hernach wieder herab über zerklüftete Grate und schwarze Geröllhalden auf grüne undurchdringliche Uferstreifen zu senken. Verbissen suchte er Zentimeter um Zentimeter des Rapaufers ab. Keine Spur eines Kanus, keine Spur von der Anna-Doria. Und doch war Sherry Shnotter sicher, ja ganz sicher sogar, daß hier in der undurchdringlichen grünen Wildnis des Rapaätno und des Deltas ein Geheimnis verborgen liegen mußte: das Geheimnis der Anna-Doria.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen. Der Berg Nammatj lag nun hinter ihm. Der schmale Pfad wand sich über Hügel, ein wenig abseits des Flusses, und war von unförmigen Steinbrocken und bizarren Wurzeln übersäht. Das Gehen wurde zunehmend beschwerlicher. Gelegentlich waren schmutzige Schlammpfützen zu durchwaten, gelegentlich ein kleiner Bach zu durchqueren, gelegentlich sogar ein flacher Flußlauf. Unbeirrt schritt Sherry Shnotter voran. Heidelbeeren säumten seinen Weg und suppentellergroße Pilze. Von den Heidelbeeren kostete er von Zeit zu Zeit die eine oder andere Handvoll, die Pilze aber ließ er sicherheitshalber stehen.

Noch immer köchelte in Sherry Shnotters Pfeife ein feiner englischer Tabak. Hinter einem grasbewachsenen Moorfeld lag ein Elch, kaute und schlackerte gelegentlich mit dem Ohr, um die Moskitos zu vertreiben. Als Sherry Shnotter in sicherer Entfernung vorüber stapfte, hob der alte Elch, der hier, wie seine übrigen Artgenossen im Rapadalen, besonders groß und mächtig war, seinen Kopf mit dem schweren Geweih nur müde, blickte zu Sherry Shnotter hinüber, um dann weiter ruhig und gemächlich vor sich hin zu kauen.

Sherry Shnotter trat aus einem Birkenwäldchen heraus. Vor ihm lag der Fluß, dahinter ein Berg, der aussah wie der Nammatj, den er doch gerade vor ein paar Stunden hinter sich gelassen hatte. Sherry Shnotter zog an seiner Pfeife und überlegtekombinierte: konnte das sein? Wenn nun das grüne Kanu nicht nur die Regenschauer, sondern auch den Berg...? Nein, das war unmöglich, ganz und gar unmöglich, es mußte sich um eine Täuschung handeln! Genauer untersuchte er den Berg, der vor ihm lag, und siehe da, ähnlich von Gestalt, doch von Bewuchs ganz anders war dieser als jener! War von grünem Gestrüpp überwuchert ganz und gar, doch kaum Geröllhalden wies er auf, wie jener. Nein, das war ein anderer Berg, er war auf dem richtigen Weg, er war nicht im Kreise gelaufen.

Unten am Fluß, nahe dem Fuße des Berges, mit Blick auf die weißen Sandbänke einer kleinen Insel und einen dahinter liegenden Bergrücken, schlug Sherry Shnotter sein Lager auf. Hier würde er die kalte Nacht im Sarek-Gebirge verbringen.

Es war Ende August. Hier in den nördlichen Skanden war das schon Herbst, und es war – Wetterdienst hin, Wetterdienst her, mit allem zu rechnen. Sogar Schnee war möglich, hier in einer Höhe von mehr als fünfhundert Metern. Sherry Shnotter hatte nach dem Abendessen, das er sich auf einem Benzinkocher zubereitet hatte, noch ein wenig am Ufer gesessen, seine Pfeife geraucht und nachgedacht. Der Fluß breitete sich über das ganze weite Tal aus, strömte nur mäßig schnell über die Sandbänke und wäre für ein Kanu durchaus gegen den Strom zu befahren. Wenn da nur nicht die Stromschnellen wären, die alle paar hundert Meter jede Passage stromaufwärts unmöglich gemacht hätten, für ein Kanu jedenfalls. Im Delta weiter unten freilich wäre das alles kein Problem gewesen; dort gab es nur mäßige Stromschnellen, die alle wenigstens in Ufernähe durchaus zu meistern gewesen wären. Bis hinauf an den Nammatj also hätte das grüne Kanu fahren können, und das waren immerhin etwa 12 Kilometer. Dann aber begannen heftigere Schnellen.

Und wenn das grüne Kanu umtragen worden wäre? Möglich wäre das gewesen! Sherry Shnotter hielt seinen Zeh ins Wasser. Brrrrrr! War das kalt! Aber nicht nur kalt war das Wasser, es hatte auch Strömung, hier abseits der Schnellen. Könnte das grüne Kanu hier noch stromaufwärts gefahren sein? Wenn überhaupt, dann nur mit äußerstem Aufwand. Sherry Shnotter war nahe daran, den Gedanken zu verwerfen, entschied dann jedoch, wenigsten noch eine Tageswanderung flußaufwärts zu unternehmen. Dann würde man weiter sehen. Sherry Shnotter nahm noch einen letzten kräftige Schluck Tee, den er wie immer mit einem kräftigen Schuß Whisky verfeinert hatte, klopfte seine Pfeife aus und legte sich schlafenkroch in seinen Schlafsack.

 

Das Orakel

Fast dunkel war es schon, denn lange hatte er am Fluß gesessen und spät war der Abend geworden. Ein leichter Regen hatte eingesetzt und rauschte sachte durch die Blätter des Wäldchens auf sein Zeltdach nieder. Sherry Shnotter liebte dieses sanfte Geräusch und ließ die Gedanken schweifen. Wohlige Wärme verbreitete sein Schlafsack, und der verfeinerte Tee hatte ein Übriges dazu getan. Ganz dicht an der Natur war er hier, weit weg von den Menschen und ihrer Zivilisation, ihren Städten, ihren Autos, ihren Flugzeugen, weit weg von der Hektik und den Problemen des Alltags. Immer wärmer und wohliger wurde Sherry Shnotter, und seine Gedanken waren schon weit weg, waren wie ein Luchs durchs Unterholz geschlüpft, wie ein Ren die steinigen Berghänge hinauf gestiegen und schließlich wie ein Adler um die höchsten Gipfel des Sarek geschwebt. Er hatte vom Pelloreppe aus, der hier zum Greifen nah war, die weiten Mäander des Rapaätno überflogen, hatte in weiter Ferne sein Zelt zwischen den niedrigen Nordland-Birken stehen sehen, hatte dem alten Elch gute Nacht gewünscht, und war dann selber in der Unendlichkeit der Nacht verschwunden.

Da plötzlich raschelte es vor seinem Zelt. Er hörte, wie sich jemand am Zelteingang zu schaffen machte, den äußeren Reißverschluß ein wenig aufzog, und dann schließlich sogar den inneren. Ein weiches Licht verströmte im Zelt. Ein kleiner freundlicher Troll stand da im Zelteingang, oder war es vielleicht eine Fee? Das Wesen war nicht viel größer als die Pilze, die er am Wegrand gesehen hatte, trug ein kurzes Röckchen aus Rentierleder, hatte, wie alle Schweden, blaue Augen und blondes Haar, das üppig über die Schultern wallte. „Hey do“, sprach das Wesen ganz sanft, „hey Sherry, schlümmer dü bra?“ Sherry Shnotter bejahte nickend. Er versuchte, sich aufzurichten, doch ach, wie schwer war sein Kopf geworden. Ob das am Whisky liegen konnte? „Sherry“, sprach das Wesen weiter, und berührte ihn zärtlich wie mit einem Zauberstab, und Sherry war ganz hingerissen, „Sherry, ich hab dir etwas mitgebracht!“ Sherry war jetzt fast wach, er dachte sofort, wie alle Schweden, an eine Flasche Schnaps, eine Flasche Whisky vielleicht? Denn der war schon knapp geworden, nach der langen Wanderung im Rapadalen. „Pling“ machte das Wesen mit dem Zauberstab, das jetzt gänzlich aussah wie eine Fee und gar nicht mehr wie ein Troll, ließ einen zerfransten Zettel hernieder schweben, der aussah wie aus vergangenen Zeiten, „das habe ich gefunden am Fuße des Nammatj“, drehte sich ein paarmal um sich selbst wie ein Wirbelwind, und verflüchtigte sich dann halb durchsichtig wie Rauch aus dem Zelt hinaus und hinein in die schwarze Nordlandnacht.

Wie im Traum griff Sherry Shnotter nach dem zerfransten Zettel und begann zu lesen:

 

Sanft verbirgt der Regen, was die Sonne schroff enthüllt.

Bis hier folgte ich dem, der Nasses führt,

schätzte das Grau, fürchtete das Blau.

Hebt sich der Stern,

fallet der Spiegel.

Es blicket tief, der führet sein Ruder sicher!

 

Was konnte das nur bedeuten? „Hey, warte einen Augenblick“ rief Sherry, doch das Wesen war schon weit weg, und Sherry Shnotter sank erschöpft auf sein Lager. Das Wesen war ganz sicher eine Fee gewesen, da konnte kein Zweifel sein.

Am nächsten Morgen war sich Sherry Shnotter nicht mehr so sicher. Dort wo in der Nacht noch der zerfranste Zettel gelegen hatte, lag jetzt eine fast leere Flasche Whisky, der Zettel aber war verschwunden.

Es hatte aufgehört zu regnen, und ein strahlend blauer Himmel lag über dem Tal. Sherry Shnotter rieb sich die Augen, zündete sich eine Pfeife an und kochte erst einmal Tee. Das Wetter würde ein paar Tage halten.

Nach dem Tee machte sich Sherry Shnotter auf den Weg. Das was man hier Weg nannte, war allerdings größtenteils eine feuchte, schlammige und steinige Angelegenheit, und bald schon hatte Sherry Shnotter nasse Füße. Er mußte einen Fluß durchwaten, auf einem schmalen Holzweg ein Moor überqueren, und dann ging es weit ab vom Fluß bergauf über Steine und Wurzeln. Am Nachmittag hatte Sherry Shnotter den Hügel überquert und war wieder an den Fluß gelangt. Er war ziemlich geschafft! Seine Stiefel waren überhaupt nicht mehr trocken geworden; mehrere Bäche hatte er zu überqueren gehabt, und wenn es grade keine Bäche gab, dann waren es matschige Schlammlöcher. Immer wenn der Pfad vom Ufer wegführte, das wußte Sherry Shnotter schon, dann wurde der Weg naß und beschwerlich.

Dicht am Ufer des Rapaflusses, am Fuße des Lulep Spatnek, schlug er sein Zelt auf. Er zog sich trockene Schuhe an und stellte seine nassen Stiefel in die Sonne. Vor ihm lagen glänzend die Gletscher des Skarki-Massivs. Unmengen von Steinen und Felsbrocken lagen hier im Fluß, und ohne Mühe gelangte Sherry Shnotter, von Stein zu Stein springend, auf die andere Seite des engen Tals. Nein, hier war die Weiterfahrt für ein Kanu nicht mehr möglich, jedenfalls nicht bei diesem Wasserstand. Behende wie ein Wiesel sprang er wieder zurück auf die andere Seite des Flusses, wo sein Zelt stand.

Sherry Shnotter zündete sich eine Pfeife an. Die Lebensmittel reichten nur noch für wenige Tage und der Whisky war so gut wie alle. Mit Entsetzen bemerkte er, daß die Sohlen seiner Stiefel brüchig geworden waren und sich an einer Stelle bald ablösen würden. Es war also wenig ratsam, weiter ins Gebirge vorzudringen, und der Suche nach dem grünen Kanu auch gar nicht mehr förderlich. Sherry Shnotter zog an seiner Pfeife und beschloß, einen Tag Pause einzulegen und dann, übermorgen, den Rückweg anzutreten.

Noch immer ging in Sherry Shnotters Kopf, wie ein Geist, der zerfranste Zettel vom Nammatj um. Vielleicht lag ja das Geheimnis dort verborgen, dort am Fuße des Nammatj, wo die Fee den Zettel gefunden hatte. „Ach was“, sagte sich Sherry Shnotter, eine Fee, ein Troll, „solche Wesen gibt es doch gar nicht; wir leben im Zeitalter der Technik, der Atomphysik, der Computer, und da gibt’s keine Feen und keine Trolle!“ – Doch, hier im Rapadalen, im wilden Sarek-Gebirge, was hatten da Technik, Atomphysik und Großrechenanlagen zu sagen? Nicht einmal eine Steckdose gab es hier für Sherry Shnotters Computer!

Und auch nicht für seinen Rasierapparat! Ein dichter Bart war ihm inzwischen gewachsen, und weil er das gar nicht gewohnt war, hatte der Bart bereits begonnen, unangenehm zu jucken. Es war Zeit, wieder nach Kiruna zu den Computern und den Steckdosen zurückzukehren. Auch nach einem anständigen Essen sehnte sich Sherry Shnotter, das freilich in Schweden fast so schwer zu finden war wie in England, wo sein feiner Tabak herkam, oder wie in Schottland, woher der Whisky stammte, wenn man dem Etikett glauben konnte; Sherry Shnotter aber war von Natur aus mißtrauisch. Dennoch: der Whisky war nicht zu verachten, und auch auf seinen Tabak wollte er nicht verzichten, ganz gleich woher sie nun wirklich kamen.

Nach dem eingelegten Ferientag war es schließlich Zeit zurückzukehren. Vom grünen Kanu gab es noch immer keine Spur, und über den zerfransten Zettel hatte er einen ganzen Tag erfolglos gegrübelt. Derweil war der Wasserstand weiter gesunken, und Sherry Shnotter hätte heute morgen bequem auf die andere Seite laufen können, ohne zu hüpfen wie ein Känguruh. Der Rapaätno führte kaum noch Wasser, denn es hatte zu wenig geregnet in den Bergen. Wind und Sonne hatten Sherry Shnotters Stiefel getrocknet. Ohne Zwischenfälle gelangte er zurück an vorigen Lagerplatz mit Aussicht auf die Insel und die Sandbänke. Die Nacht über tat er kaum ein Auge zu und beobachtet verbissen den Eingang des Zeltes für den Fall, daß ihn die Fee ein weiteres Mal besuchen würde; da waren noch einige Fragen offen geblieben, und so einfach würde er sie nicht noch einmal aus dem Zelt entwischen lassen.

Doch er hatte Pech. Keine Fee ließ sich blicken, nicht einmal ein Troll. Am Morgen war Sherry Shnotter noch immer todmüde und hatte dicke Ränder um die Augen. Kurz nach Mittag war Sherry Shnotter am Fuße des Nammatj angelangt.

Ein Pärchen aus Süddeutschland hatte dort sein Zelt aufgeschlagen. Sie waren wohl gerade erst aufgestanden, denn sie machten ein ähnlich zerknittertes Gesicht wie Sherry Shnotter. Der war nun schon ein paarmal ganz unauffällig an dem Zelt vorbeischlendert, hatte unauffällig vor sich hin gepfiffen und immer wieder zu dem Zelt herüber geschielt. Endlich stellt er sich vor:

„Hi, I’m Sherry Shnotter““

“Hi” das Pärchen.

Was wollte der komische Kauz nur von uns, überlegte ich, er benahm sich so auffällig unauffällig mit seiner karierten Mütze wie Nick Knatterton, und dabei sah er austrug er einen Bart wie Sean Connery in späten Jahren. Irgend etwas hatte er auf dem Herzen. Er druckste herum: ob wir vielleicht... äh.... einen Zettel gesehen hätten? Das war schon eine seltsame Frage. J und ich schauten uns verständnislos an. Nein, hier hätten wir keinen Zettel gesehen. Er deutete hinauf zum Nammatj. Ob da wohl ein Weg hinaufführte? „Yes“, antworteten wir, da führe ein Weg hinauf, von der Rückseite, aber wo genau, das wußten wir auch nicht, nur eben, daß es einen Weg gab.

Der Mann, der sich Sherry Shnotter nannte, bedankte sich und entfernte sich in Richtung Nammatj. Offenbar wollte er hinaufsteigen, auf den Gipfel des eigentümlichen Berges. Gestern waren zwei Schweden dort oben gewesen, sie hatten dort übernachtet und von einem herrlichen Ausblick berichtet. Das war vorstellbar. Die beiden Schweden hatten den Berg mit Bergsteiger-Seilen fachgerecht bestiegen und hatten dann, oben angelangt, festgestellt, daß es von der Rückseite her einen Weg gab, auf dem man relativ bequem hinauf und wieder hinunter laufen konnte. Vielleicht wollte Mr. Shnotter ja ebenfalls den Ausblick genießen. Irgend etwas schien er zu suchen...

Nach dem Frühstück um halb drei ging ich ein paar Meter zu unserem Versteck im Gestrüpp. Dort hatten wir einen Teil unserer Ausrüstung deponiert. Wir waren ein paar Tage das Rapadalen hinauf gewandert und waren gestern Nachmittag, etwas erschöpft und mit nassen Stiefeln, wieder zurück gekommen. Wir hatten, in wasserdichte Säcke verpackt, ein paar Lebensmittel und unser Kanu dort im Dickicht versteckt. Mit dem Kanu wollten wir nun wieder durch das Delta zurück paddeln, dann über den See und irgendwie zurück zum Auto kommen. Das Kanu hatten wir sicherheitshalber auseinander genommen. Wir setzten es wieder zusammen, und am späten Nachmittag waren wir auf dem Fluß und ruderten das Delta hinunter.

Während des Hinweges hatte es viel geregnet. Der Fluß führte viel Wasser und die sonst flachen Stellen waren reichlich überflutet. Nun aber, nach den sonnigen Tagen, war der Wasserstand deutlich gesunken. Allenthalben zeigten sich schlammige Inseln im Fluß und immer wieder hatten wir Grundberührung. Bald waren wir mit der flotten Strömung weit ins Delta vorgedrungen. Wir legten eine Pause ein und genossen den Aussicht zurück ins Rapadalen. Dort hinten irgendwo lag der Lulep Spatnek, an dessen Fuß wir genächtigt hatten, dort hinten irgendwo lag der alte Elch und kaute vermutlich noch immer vor sich hin, wie er das vor ein paar Tagen getan hatte, als wir ihn im Moor beobachtet hatten. Und dort hinten stand noch immer, mitten im Tal, der Berg Nammatj, wie er immer dort stehen würde.

Aber... stand dort nicht jemand auf dem Gipfel? Ja, da stand jemand und winke, ja, das mußte Sherry Shnotter sein, der da winkte. Wir winkten freundlich zurück, stiegen dann in unser grünes Kanu, und paddelten weiter das Delta hinunter, wo wir am Abend neben suppentellergroßen Pilzen und nicht weit von ein paar mißtrauischen Kranichen unser Zelt für die Nacht aufschlugen.

 

Ein beschwerlicher Rückweg

Sherry Shnotter tobte. Er hatte den Weg auf den Nammatj gefunden und stand nun auf dem Gipfel des Berges. Dort unten im Delta schwamm das grüne Kanu, das vor wenigen Stunden noch zum Greifen nahe gewesen war, wenn Sherry Shnotter nur ein wenig nachgedacht hätte. Die Fee und der zerfranste Zettel, sie hatten im die Lösung des Rätsels fast wie auf einem silbernen Tablett serviert, und er, Sherry Shnotter, hatte nichts verstanden! Am Fuße des Nammatj, hatte das Geheimnis gelegen, tagelang, in wasserdichte Säcke verpackt, und nun fuhr es das Delta hinab, bei gesunkenem Wasserstand, sorgsam die flachen Stellen umfahrend. Das alles hätte ihm der zerfranste Zettel sagen können, wenn er, Sherry Shnotter, nur ein kleines bißchen nachgedacht hätte. Und nun stand er hier, wild gestikulierend, auf dieser bizarren Erhebung, und die Fremden aus Deutschland winkten nur freundlich zurück. Das war doch die Höhe! Sherry Shnotter schnaubte wie ein Flußpferd und machte sich an den Abstieg.

Nach einer kalten stürmischen Nacht – er hatte mitten in der Nacht aufstehen müssen, um die Zeltleinen richtig zu befestigen und nachzuspannen – nahm er mit dem Walkytalky Kontakt zu Lennart Lässig auf, dem Samen in Aktse, einem Dorf, oder besser gesagt eine Ansammlung von ein paar Hütten, dort wo das Delta endete und der Rapaätno in den See Laitaure floß. Denn es existierte kein Pfad vom Nammatj über das Delta. Erst in Aktse wieder gab einen Weg, der ihn auf knapp zwanzig Kilometern zu seinem Sportcoupe führen würde, das er am Ende der Straße zum Tjaktjajaure geparkt hatte.

Lennart Lässig war am nächsten Tag, wenn auch mit mehreren Stunden Verspätung, mit seinem Boot zur Stelle, wollte aber Sherry Shnotters Visa-Karte nicht akzeptieren. An Bargeld fehlten Sherry Shnotter gerade eben 20 Kronen, doch Lennart zeigte sich unnachgiebig, stieg in sein Boot und fuhr alleine zurück nach Aktse, wo er den Fremden, die dort auf ihrer Wanderschaft vorbei kamen, geräucherten Fisch verkaufte.

Na warte, dachte Sherry Shnotter, ich werde allen Leuten erzählen, daß du deinen verdorbenen Räucherfisch einmal im Monat im Supermarkt kaufst, Halunke! Und mit diesen freundlichen Wünschen verabschiedete er sich vom heiligen Berg der SamenNammatj und machte sich auf den Weg durchs feuchte Delta. Schon bald verlor sich der schmale Uferpfad im Gestrüpp. Immer wieder waren mehr oder weniger seichte Nebenarme des Rapaätno zu durchwaten, oder aber es waren große Umwege in Kauf zu nehmen, um im Delta voran zu kommen. Es war ein Glück im Unglück, daß der Fluß so wenig Wasser führte, denn nur so konnte er die teils recht breiten Arme des Deltas an den Stromschnellen überqueren. Wenn nur kein Regen aufkam! „Schätzte das Grau, fürchtete das Blau“ erinnerte er sich an das mysteriöse Orakel der flüchtigen Fee; nun war es umgekehrt: solange der Himmel blau blieb, würde er den Fluß an den flachen Schnellen durchwaten können, doch wehe, es regnete!

Auf seinem Weg kam er an einem verendeten Rentier vorbei, das mörderisch stank. Später zogen Kraniche laut schreiend über den Himmel. Sherry Shnotter brauchte zwei Tage, übernachtete einmal auf einer breiten Sandbank, dann war er an der Mündung in den Laitaure und das verwunschene Delta lag hinter ihm. In der Nähe von Aktse, zwischen suppentellergroßen Pilzen, schlug er wieder einmal sein Zelt auf, und dies, so fand er, war seit Tagen das weichste Plätzchen, auf dem er geschlafen hatte. Denn hier schlief er nicht auf hartem Sand, wie im Delta, sondern auf weichem Moos!

Von hier aus war der Rückweg nicht mehr allzu beschwerlich. Von Aktse aus führte ein gut gangbarer Pfad am Ufer des Laitaure entlang bis zu einer Bootsanlegestelle. Dort begannen nicht nur die Stromschnellen zwischen Laitaure und Tjaktjajaure, sondern auch ein relativ breiter Weg, auf welchem auch die in Lappland inzwischen weit verbreiteten Geländefahrzeuge japanische Herkunft, offen und wie ein Motorrad mit Sattel und Lenkstange ausgerüstet, verkehrten. Nun darf man sich diesen Verkehr allerdings nicht vorstellen, wie den Straßenverkehr auf einer mitteleuropäischen Landstraße, denn an manchen Tagen war dort kein einziges Fahrzeug zu sehen. Ja sogar Lennart Lässig verkehrte mit seinem Gespann auf diesem Weg und nahm für ein nicht zu knappes Entgelt müde Wanderer auf den harten Holzbänken seines ratternden Anhängers mit. Dies aber an allen Tagen, nur nicht an Montagen. Morgen aber war Montag, und überdies war Sherry Shnotter auf Lennart noch immer nicht gut zu sprechen. Er würde also auch diese letzten zwölf Kilometer zu Fuß bewältigen und rechnete mit einer Wanderung von etwa vier bis fünf Stunden für diesen Tag.